Texte zur Arbeit


Haakon Neuberts Bildräume önen sich

zu Straßen, in Eckkneipen, zu improvisier-
ten Grillplätzen, auf Bahnsteigen — Orte

gewohnheitsmäßiger Zusammenkünfte,
belebt von einer Spontaneität, die sich

der Bildlogik der Candid Photography an-
nähert. Die Sprache wird rauer, Gesten

unmielbarer, Körper rücken näher zu-
sammen. Essen, Trinken, Grillen, Reisen,

Warten, Arbeiten — Situationen so ver-
traut, dass sie leicht übersehen werden,

gespiegelt in Titeln wie ICH BIN SCHON

DA!, NORMALES GRILLEN HALT oder SPA-
GHETTI UND ZWEI BIER, deren direkte, be-
schreibende Sprache Symbolik vermeidet

und dennoch eine eigene poetische In-
tensität entfaltet.

Es sind großformatige Acrylgemälde, in
denen selbstbewusste Kompositionen
und stark gesäigte Farbkontraste das

Gewöhnliche intensivieren. Monumen-
tale, beinahe skulptural wirkende Figuren

erscheinen verdichtet; Gliedmaßen über-
lagern sich, räumliche Beziehungen ver-
engen sich. Comicartige Überzeichnung

trit auf präzise soziale Beobachtung.

Der Alltag wird hier nicht neutral abgebil-
det — er gewinnt malerische Dichte.

Ein genauerer Blick auf die Figuren lohnt
sich. Etwas Anti-Heroisches haftet ihnen
an: Sie erscheinen als Akteure des Alltags
in Übergangsräumen — Personen, die
sonst leicht im Hintergrund verschwinden

würden. Indem Neubert sie in den Vorder-
grund rückt, verschiebt er die Hierarchie

der Aufmerksamkeit. Man könnte in die-
sem Zusammenhang an Oo Dix’ urbane

Szenen der 1920er Jahre denken — Stra-
ßenszenen und Bars mit scharf beobach-
teten Charakteren. Doch Neubert fehlt

der beißende Gestus des Dix’schen Blicks.
Seine Figuren sind nicht der Beurteilung
ausgesetzt; sie werden aus einer inneren
Nähe heraus erfasst. Er hat erwähnt, dass
er sich in solchen Figuren wiedererkennt;
die Bilder entstehen aus dieser Nähe.
Neuberts kontinuierliche Beschäftigung
mit solchen Situationen gründet in einer
Praxis genauer Beobachtung, nicht in
symbolischer Abstraktion. Nach seinem
Meisterschülerjahr an der Kunstakademie

Münster richtete sich sein Interesse ver-
stärkt auf die Frage,wie das Alltägliche er-
scheint, wenn es nicht länger bloße Ku-
lisse ist. Diese Aufmerksamkeit wurde

auch institutionell gewürdigt, unter ande-
rem durch den STRABAG ART Award

2025, der seine Malerei für ihre Beharr-
lichkeit auf gelebter Gegenwart jenseits

repräsentativer Kommentare auszeich-
nete.

Bei einigen von Neuberts Arbeiten denke

ich an Raymond Carver. Seine Erzählun-
gen kreisen um gewöhnliche Leben, ge-
prägt von finanziellen Belastungen, insta-
bilen Beziehungen und fragilen Routinen.

Gespräche stocken; Figuren ringen da-
rum, das auszudrücken, was sie empfin-
den oder fürchten. Bedeutung entsteht

weniger durch einschneidende Ereig-
nisse als durch die Beständigkeit des All-
täglichen Bedingungen. Auch Neuberts

Malerei weist eine solche Sensibilität auf:

sie richtet den Blick auf Figuren, die sozi-
ale Prekarität erfahren, ohne sie zu Sym-
bolen zu stilisieren. Die Szene löst ihre Si-
tuation nicht auf; sie hält sie aus.

In Neuberts Gemälden sind Orte keine

passive Bühne. Sie strukturieren die Situ-
ation, werden selbst zur Situation. Bahn-
steige, Straßen, Kneipen, improvisierte

Trepunkte — Räume des Verweilens,

Wartens, Zusammenseins. Sie wirken ver-
traut und zugleich durchlässig. Man hält

sich in ihnen auf, ohne sich vollständig zu
verankern.
Hier ließe sich vorsichtig an Marc Augés
Begri des „Nicht-Ortes“ anschließen —
jene Räume der Moderne, die vor allem
durch Zirkulation und Funktion definiert
sind. Doch Neuberts Bildräume sind keine
reinen Nicht-Orte. Sie besitzen soziale

Dichte; sie tragen Spuren von Gewohn-
heit und informeller Zugehörigkeit. Und

dennoch teilen sie mit Augés Beschrei-
bung eine Qualität des Übergangs: weder

eindeutig privat noch klar öentlich, we-
der fest gefügt noch vollkommen anonym.

Gerade in diesem Zwischenzustand ent-
steht Spannung. Die Figuren erscheinen

präsent, körperlich nah, mitunter intim —

und doch bleibt der Ort beweglich. Er fun-
giert weniger als stabile Rahmung denn

als temporäre Konstellation.

Auszug aus der Rede von Carlota Gómez, Kuratorin Kunstverein Hannover 2026 zu der Ausstellung MACH DOCH!